In uns allen wohnt eine tiefe Sehnsucht nach dem, der wir wirklich sind. Wir wollen unserem Selbst Ausdruck verleihen, authentisch sein, echt sein. Uns nicht formen und verformen lassen von Konventionen, Regeln und Vorschriften.

Vom Verrat des Selbst

Allzu oft jedoch verfangen wir uns in den Vorstellungen und Wünschen anderer Menschen, nehmen Rücksicht, stellen unsere Bedürfnisse hinten an und verkneifen uns die eigene Meinung. Denn wir wollen geliebt werden. Und das, so glauben wir in kindlicher Manier, gelänge am besten, wenn wir zu allen Menschen nett sind und möglichst wenig anecken. Kein Wunder, wenn sich das eigene Leben schließlich so leblos und leer anfühlt. Denn es ist nicht gefüllt mit den eigenen Bedürfnissen und inspiriert von den eigenen Idealen, sondern bestimmt von den Wünschen der anderen. Wir machen uns klein, weil wir einst kleingeredet wurden. Wir nehmen uns selbst nicht wichtig, weil wir früher nicht wichtig genommen wurden. Und so haben wir die Wurzeln zu unserer wahren Natur gekappt. Der Psychoanalytiker Arno Gruen nennt dies den „Verrat am Selbst“, der bereits in früher Kindheit einsetzt, wenn Kinder sich gezwungen sehen, die eigenen Wünsche dem Willen ihrer Bezugspersonen zu opfern.

Dem Ruf des Lebens folgen

Doch ganz gleich, wie sehr wir auch versuchen, gefügig zu sein und uns einzurichten in der Komfortzone eines angepassten Lebens – immer wieder lodert die Sehnsucht in uns empor, ergreift uns mit voller Wucht und wirbelt unser Leben durcheinander. In den Nächten wühlt sie sich in unsere Träume und bei Tageslicht nimmt sie plötzlich Gestalt in einem Menschen an. Sie lockt uns mit Bildern, Düften und Melodien, ruft uns in die Ferne oder zur Heimkehr. In den Gesichtern von Menschen und in den zahllosen Formen und Facetten der Welt zeigt sie sich. Und in allen verkörpert sich der Ruf nach einem authentischen Leben. Diese Sehnsucht kennt keine Rücksicht auf Sicherheiten und Konventionen. Wild wie eine Wölfin ist sie. Unbezähmbar. Selbst wenn wir uns für den sicheren Weg durchs Leben entschieden haben, werden wir sie nicht los. Denn sie hat unsere Fährte aufgenommen. Und folgt ihr beharrlich, um in unseren Träumen ihr wildes Geheul anzustimmen. Ihr Ruf gilt einem selbstbestimmten und leidenschaftlichen Leben. Die Psychoanalytikerin Clarissa Pinkola Éstes weist in ihrem Kultbuch „Die Wolfsfrau“ auf die Dringlichkeit hin, wieder in Kontakt mit dieser alterslosen Weisheit in uns zu kommen, die nie aufhört, uns beim wahren Namen zu rufen und deren Ausdruck Leidenschaft, Kreativität und ungezügelte Lebenskraft sind.

Der Mut zur Selbstwerdung

Doch wie oft schon haben wir die Stimme unserer Sehnsucht geknebelt? Wie lange noch wollen wir unsere Träume begraben? Ist es nicht an der Zeit, endlich unser Leben in die eigene Hand zu nehmen?

Der erste Schritt hierfür ist, nicht länger den lautstarken Stimmen der anderen zu folgen, sondern damit zu beginnen, auf die eigene leise Stimme im Inneren zu hören. Das heißt es, ein mündiger Mensch zu werden. Zu sich selbst und seiner eigenen Meinung zu stehen. Denn nur so können wir aufrecht und selbstbestimmt durchs Leben gehen. Rufe die Wolfsfrau, rufe den Wilden Mann ins Leben! Fasse den Mut zur Selbstwerdung! Habe den Mut zum Ich! Und befreie dich aus dem Kokon der Selbstverleugnung und Anpassung!

Aufbruch ins Sehnsuchtsland

Hierfür lohnt es, zu einer Expedition der ganz besonderen Art aufzubrechen. Denn unsere ungelebten und unterdrückten Wünsche sind in den Untergrund gegangen und leben im Verborgenen. Von der Psychologie werden sie daher als unser „Schatten“ bezeichnet. In diesem inneren Schattenreich tummeln sich nicht nur dunkle und bedrohliche Persönlichkeitsanteile, sondern auch jede Menge glücksverheißende Gefühle: nicht gelebte Freude, Ekstase und Euphorie – all das, was wir als Kind unter Strafandrohung verdrängen mussten, weil es als nicht schicklich galt. Schattenland ist daher auch Sehnsuchtsland! Hier lebt unsere ungezügelte Kraft, die wir bereits früh zu unterdrücken lernten, unsere ungestüme Freude an der Eroberung der Welt, unsere ungebändigten Emotionen. Es lohnt sich, zu einer Expedition in diese „Terra Incognita“ aufzubrechen, um die Schätze aus dem Schattenreich zu bergen. Kreative Ausdrucksmöglichkeiten wie Malen, Schreiben, Singen, Tanzen ebenso wie therapeutische und spirituelle Selbsterfahrung können dich darin unterstützen, die Schattenkräfte ans Licht zu locken und in das eigene Leben zu integrieren.

Überrasche dich doch einmal damit, neuen Möglichkeiten mit einem lautstarken Ja statt mit dem gewohnten Nein zu begegnen. Tu genussvoll etwas Unerhörtes. Brich bewusst mit Gewohnheiten und tue Dinge, die dich verunsichern. Gib dir die Erlaubnis, aus der Reihe zu tanzen und nimm es lachend in Kauf, dabei wie eine Närrin auszusehen. „Du wirst Dummheiten machen, aber tue sie mit Begeisterung“, ruft uns die für ihren unkonventionellen Lebensstil berühmt gewordene Schriftstellerin Colette zu.

Tu es jetzt!

Das Leben duldet keinen Aufschub. Als die Hospizhelferin Bronnie Ware Sterbende nach dem befragte, was sie am Ende ihres Lebens am meisten bereuen, war deren häufigste Antwort: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein Leben zu leben, nicht eines, das andere von mir erwarten“.

Erfülle also nicht nur die Wünsche anderer, sondern erwecke deine eigenen Träume zum Leben. Der Buddhismus nennt dies das Aufwachen zur wahren Wesensnatur. Den Menschen in sich wecken, der noch schläft. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, zu unserer Wesensnatur vorzudringen. Meditierend, philosophierend, arbeitend, tanzend, liebend. Jeder Mensch hat hierfür ein reiches und individuelles Set an Möglichkeiten, um immer mehr der zu dem zu werden, der er ist: ein eigener und unverwechselbarer Gesang des Universums, ein einzigartiger Tanzschritt im großen Tanz des Lebens.

Visionssuche: Wohin möchte mein Leben mich führen?

Die Visionssuche ist bei vielen Naturvölkern ein festes Ritual, um einen neuen Lebensabschnitt einzuläuten, sich persönlichen Fragen und Schwierigkeiten zu stellen, alte Muster hinter sich zu lassen und die Welt mit neuen Augen zu sehen. Wenn auch du das Gefühl hast, dass das Alte nicht mehr trägt und das Neue noch nicht sichtbar ist, dann lohnt es sich, zu einer persönlichen Visionssuche aufzubrechen. Wähle einen Tag, an dem du alleine in die Natur gehen wirst, um dich dort den wichtigen Fragen deines Lebens zu stellen. Nimm dir dafür ausreichend Zeit mit. In der Natur finden Menschen von jeher Antworten auf die drängenden Fragen ihres Lebens.

Lauf los und sei aufmerksam für alles, was um dich herum geschieht. Lies die Zeichen der Natur und frage dich, was dir diese sagen könnten. Gehe in Kontakt mit den Bäumen, den Pflanzen, den Tieren im Wald. Suche dir schließlich einen Platz, an dem du dich zu einer Innenschau niederlassen möchtest, vielleicht unter einem großen schützenden Baum, vielleicht auf einem Hügel mit Blick über das vor dir liegend Tal, vielleicht am Ufer eines stillen Sees. Frage dich dann: Was ist das Neue, das sich in meinem Leben zeigen möchte. Was gilt es zu verabschieden? Wohin möchte mein Leben mich führen?

Aus: Der spirituelle Notfallkoffer. Erste Hilfe für die Seele. Von Christa Spannbauer und Katharina Ceming. Trinity Verlag 2015

 

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Über den/die Autor/in

Christa Spannbauer
Christa Spannbauer

Christa Spannbauer lebt als Autorin, Referentin und Filmemacherin in Berlin. In ihren Publikationen und Vorträgen geht sie der Frage nach, wie ein gutes Leben gelingen kann. Sie schreibt für alle, die ebenso wie sie selbst an einem achtsamen, sinnerfüllten und glücklichen Leben interessiert sind. In ihren Vorträgen und Workshops ermutigt sie die Menschen, ihren Geist zu beflügeln und der Sehnsucht des Herzens zu folgen. Ihre Inspirationsquellen hierfür sind die Weisheitswege aus Ost und West sowie neueste Erkenntnisse aus Psychologie und Neurowissenschaft. Infos: www.christa-spannbauer.de