von Christa Spannbauer

Kennst Du das tragische Gleichnis von Buridans Esel? Der verhungerte, weil er zwischen zwei gleich großen, duftenden Heuhaufen stand und sich für keinen der beiden entscheiden konnte? Geht es uns nicht manchmal ähnlich wie diesem alten Esel? Wenn wir bereits morgens unentschlossen vor dem gefüllten Kühlschrank stehen, unser Blick beim wöchentlichen Großeinkauf ratlos über die Supermarktregale streift und wir uns am Abend ungeduldig durch 40 Fernsehkanäle zappen. Wir werden überflutet von Angeboten. Leiden an der Qual der Wahl. Und dürften uns doch eigentlich glücklich schätzen, dass wir all diese Wahlmöglichkeiten haben. Viele Menschen in dieser Welt haben sie nicht.

Die Intuition zum Leben erwecken

Bei den vielen kleinen Entscheidungen, die der Alltag von uns einfordert, lohnt es sich, auf die eigene Intuition zu vertrauen. Genau das aber haben wir in der westlichen Welt weitgehend verlernt. Denn mit dem Siegeszug der Rationalität wurde die intuitive Erkenntnis für minderwertig, zweifelhaft und damit unvernünftig erklärt. Von Kindheit an wurde uns daher eingetrichtert, vernünftig zu sein. Doch mal ehrlich: Wie oft sind wir mit unserer Rationalität schon an die Wand gefahren und haben danach ausgerufen: „Ich hab’ es doch gleich geahnt!“ Denn auch wenn wir oft nicht wissen, warum wir etwas wissen, wissen wir es. Und je länger wir nachdenken, je mehr wir über eine Entscheidung nachgrübeln, desto unsicherer und verunsicherter werden wir. Dabei tragen wir die Lösung meist bereits in uns. Oft fehlt uns nur der Zugriff auf dieses Wissen. Denn wir haben das Vertrauen in unsere innere Stimme verloren. Es kann daher hilfreich sein, einem anderen Menschen vom eigenen Entscheidungsdilemma zu erzählen. Denn bereits während des Redens stellt sich die Lösung meist von selbst ein. Weshalb? Wir haben unserem inneren Wissen den Raum gegeben, sich auszudrücken und gehört zu werden.

Dem Bauchgefühl vertrauen

Der Intuition zu vertrauen bedeutet auch überhaupt nicht, dem Verstand zu misstrauen. Vielmehr fügen wir unseren kognitiven Fähigkeiten noch eine weitere Möglichkeit der Erkenntnis hinzu. Studien aus der Hirnforschung belegen, dass unsere intuitiven Entscheidungen in vielen Fällen keinen Deut schlechter sind als Verstandesentscheidungen – und dabei noch zig Mal schneller. Denn während unser Unbewusstes wie eine Art Supercomputer einige Millionen Informationen pro Sekunde verarbeiten kann, bewältigt unser Bewusstsein nur einen minimalen Bruchteil dessen. Je schneller wir uns entscheiden müssen, desto klüger scheint es daher zu sein, dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen. Vertraue daher mutig auf das, was Dir als überraschender Einfall oder Idee in den Sinn kommt. Wenn wir mit unserer Intuition in Verbindung sind, führt uns diese wie ein innerer Kompass durch das Leben.
Wer glaubt, keinen Zugang zu seiner Intuition zu haben, kann sich jederzeit darin üben. Wir können sie anfangs bei eher unwichtigen Gelegenheiten üben: Wenn wir uns für ein Essen oder einen Kinofilm entscheiden, einen Platz im Restaurant wählen, die Kleidung für den Tag aus dem Schrank holen. Nimm dabei einmal genau wahr, was Dir als erster Impuls in den Sinn kommt und folge diesem. Und erforsche, wie Du Dich anschließend mit dieser Entscheidung fühlst.

Das Patentrezept für ein gelingendes Leben

Kopf, Herz und Bauch in ein ausgewogenes Gleichgewicht zu bringen, scheint das Patentrezept für ein gelingendes Leben zu sein. Doch nicht selten liegen gerade diese drei im heillosen Clinch miteinander. Bei weitreichenden Lebensentscheidungen brauchen wir aber das Einverständnis von allen dreien. Lade Kopf, Herz und Bauch an den Runden Tisch. In einer Art Elefantenrunde. Mit Dir als Moderator. Befrage das Herz, wonach es sich sehnt, erkunde, was der Bauch spürt und finde heraus, was der Kopf für vernünftig erachtet. Alle drei wollen nur das Beste für Dich, alle wollen gehört werden, keiner möchte übergangen werden. Verhandel so lange, bis sich eine Lösung abzeichnet. Sollte es wider Erwarten zu keinem befriedigenden Ergebnis kommen, hole Dir professionelle Hilfe von einem Coach. Der sollte über das Know-how für schwierige Elefantenrunden verfügen.

Zur Weisheit in der Stille finden

Ein wirksames Tool für die Entscheidungsfindung gibt uns die Methode der Achtsamkeit an die Hand. Halte inne, bevor Du im Alltag eine Entscheidung fällst. Atme einige Male bewusst ein und aus und fragen Dich: „Was spüre ich jetzt?“ Je bewusster Du mit all Deinen Sinnen im Augenblick lebst, desto deutlicher kannst Du die Signale empfangen, die Deine innere Weisheit Dir sendet. Die Welt ist so laut geworden und wir sind einem solchen Stimmengewirr ausgesetzt, dass es zunehmend schwieriger wird, unsere innere Stimme überhaupt hören zu können. Es ist daher anzuraten, in wichtigen Entscheidungssituationen Lärm und Hektik des Alltags für einige Zeit hinter sich zu lassen und in die Stille zu gehen. Hierfür gibt es bewährte Methoden. Meditation ist eine von ihnen: still sitzen, sich nach innen wenden, bei sich selbst ankommen. Ein Spaziergang in der Natur, Joggen oder Fahrradfahren sind andere. Gerade der regelmäßige Bewegungsablauf lässt den Geist zur Ruhe kommen und eröffnet neue Horizonte. Nimm Dir Auszeiten! Entscheidungen haben weniger mit Wollen oder Machen zu tun, sondern mit Loslassen und Zulassen. Und achte auf Deine Träume! Wenn unser Bewusstsein ruht, kann unser Unbewusstes sich Gehör verschaffen. Aus einem tieferen und ganzheitlichen Erfassen der Welt, aus der inneren Ruhe erwachsen uns Vertrauen und Weisheit für die Entscheidungen unseres Lebens.

Visualisierungsübung: In Dialog mit der inneren Weisheit treten

Zieh Dich für diese Übung an einen ungestörten und ruhigen Ort zurück. Schließe die Augen, atme einige Male ruhig ein und aus und sammele Dich. Nimm nun Kontakt mit Deiner inneren Weisheit auf. Bitte diese, sich zu zeigen. Manchen Menschen hilft es, die innere Weisheit zu visualisieren, etwa als inneren Meister oder einer weisen Lehrerin. Vielleicht kommt Dir auch unwillkürlich ein weiser Mensch in den Sinn, den Du kennst. Stell diesem Deine Fragen und lausche tief und vertrauensvoll in Dich hinein.
Gut möglich, dass Du überrascht sein wirst, wie deutlich diese Stimme zu Dir spricht und welch überraschende und zugleich lebenspraktische Antworten und Lösungen sie Dir bieten wird. Wenn Du auf diesem Wege erst einmal in Kontakt mit Deiner inneren Weisheit gekommen bist, kannst Du Deine innere Weisheit jederzeit und überall in konkreten Lebensfragen um Rat bitten.

Aus: Der spirituelle Notfallkoffer. Erste Hilfe für die Seele. Von Christa Spannbauer und Katharina Ceming. Trinity Verlag 2015

 

Teilen.

Über den/die Autor/in

Christa Spannbauer
Christa Spannbauer

Christa Spannbauer lebt als Autorin, Referentin und Filmemacherin in Berlin. In ihren Publikationen und Vorträgen geht sie der Frage nach, wie ein gutes Leben gelingen kann. Sie schreibt für alle, die ebenso wie sie selbst an einem achtsamen, sinnerfüllten und glücklichen Leben interessiert sind. In ihren Vorträgen und Workshops ermutigt sie die Menschen, ihren Geist zu beflügeln und der Sehnsucht des Herzens zu folgen. Ihre Inspirationsquellen hierfür sind die Weisheitswege aus Ost und West sowie neueste Erkenntnisse aus Psychologie und Neurowissenschaft. Infos: www.christa-spannbauer.de